Marlice – Eine Vision für Afrika

Marlice – Eine Vision für Afrika: Ein Film von Philip Selkirk

Wer Marlice van Vuuren – blond, attraktiv, Anfang 30 – zum ersten Mal sieht, fühlt sich unweigerlich an ein »California-Beachgirl« erinnert, das überall auf der Welt an einer Privat-Universität einen hervorragenden Abschluss und danach Karriere machen könnte: glatt, unaufgeregt, vorhersehbar. Aber schon beim zweiten Blick erkennt man in der jungen Frau mehr, viel mehr – nämlich Leidenschaft, Einfühlungsvermögen und eine grenzenlose Liebe für etwas weitaus Wichtigeres: den Schutz menschlichen und tierischen Lebens auf dieser Erde. Der Film »Marlice – Eine Vision für Afrika« von Regisseur Philip Selkirk dokumentiert auf ebenso eindrucksvolle wie einfühlsame Weise, wie eine junge Frau gemeinsam mit ihrer Familie in Namibia für den Erhalt von Tierarten und den Schutz der Kultur der Ureinwohner kämpft – und dabei oftmals Rückschläge überwinden muss. Doch Marlice verfolgt unbeirrt ihr Ziel! Aber ist sie wirklich auf dem richtigen Weg?

Namibia, im Südwesten des afrikanischen Kontinents gelegen, ist Heimat einer unbeschreiblichen Fauna, die jeden Tag aufs Neue ums Überleben kämpft. Während Wildkatzen vom Aussterben bedroht sind, übervölkern Elefanten die Steppe und trampeln buchstäblich alles nieder. Nicht selten werden ganze Herden der Dickhäuter Opfer von willkürlichen Jagdzügen aus Hubschraubern, weil man sich anders nicht mehr zu helfen weiß. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist nahezu zerrüttet! Und noch eine Gruppe hat den Anschluss verloren: Die Bushmen, die Ureinwohner Namibias, leben in Armut und sind weit davon entfernt, als »integriert« bezeichnet werden zu können. Für ihre Kultur und deren reiches Erbe interessiert sich hier so gut wie niemand mehr.

Diese Situation kennt Marlice van Vuuren seit ihrer Kindheit. Sie ist aufgewachsen auf der elterlichen Farm »Harnas«, wo bereits seit mehr als 30 Jahren verletzte und verwaiste Tiere Zuflucht finden. Aufgewachsen ist sie auch in enger Beziehung zu den Bushmen – Marlice ist eine der wenigen Weißen, die ihre Sprache beherrscht. Aber früh lernt sie auch die Probleme kennen, die einem begegnen, wenn man für unpopuläre Dinge eintritt. Der Kraftaufwand, viele Tiere in einem Reservat zu versorgen, kostet Geld. Fortan kommen Abenteuertouristen nach »Harnas« und damit Fremde ins Haus der Familie; eine Entwicklung, mit der Marlice nur schwer leben kann. Also sagt sie sich los, nimmt in Pretoria ein Studium auf. Aber auch hier gefällt es ihr nicht: Zu weit ist die Entfernung von ihren Tieren, die von den Stadtbewohnern nur als Haustiere gehalten werden.

Marlice beschließt, ihren eigenen Weg zu gehen: Sie kauft Land, auf dem sie ein eigenes Reservat gründet, dem sie den Namen »N/a’ankuse« gibt – was »Gott beschützt uns« bedeutet. Und so beginnt ihr eigener Kampf; dabei immer an ihrer Seite: ihr Ehemann Rudie. Der junge Arzt eröffnet auf »N/a’ankuse« eine Krankenstation, in der er Bushmen kostenlos behandelt. Trotz zahlreicher Anfangsschwierigkeiten erntet das Projekt »N/a’ankuse« erste Erfolge, nicht zuletzt dank der Unterstützung zahlreicher freiwilliger Helfer aus aller Welt. Doch die innerfamiliären Konflikte schwelen weiter und werden für Marlice zur ständigen Belastung: So entsteht schon bald ein Konkurrenzdenken zwischen ihr und dem jüngeren Bruder Schalk, der mittlerweile, nach dem Tod des Vaters, auf der elterlichen Farm »Harnas« das Sagen hat. Zu unterschiedlich sind beider Auffassungen vom »richtigen« Umgang mit den Tieren. Außerdem missgönnt Schalk seiner ehrgeizigen Schwester ihre Erfolge – immerhin gelingt es Marlice, die Hollywood-Stars Angelina Jolie und Brad Pitt als Unterstützer ihrer Sache zu gewinnen.

Aber wie wird der Kampf ausgehen? Muss sich Marlice vollständig und endgültig von ihrem Elternhaus lossagen und am Ende doch auch auf der eigenen Farm Touristen aufnehmen, um »N/a’ankuse« finanzieren zu können? Hat sie sich – als Tierschützerin, Bushmen-Retterin, Farmbetreiberin, Ehefrau und Mutter – womöglich zu viel vorgenommen?

Der Wiesbadener Filmregisseur und -produzent Philip Selkirk traf Marlice van Vuuren eigentlich nur zufällig während der Dreharbeiten für ein anderes arte-Projekt. Doch schnell war klar: Die außergewöhnliche Geschichte dieser außergewöhnlichen Frau muss erzählt werden! So entstand eine sehr persönliche Dokumentation, die dem Zuschauer einen kurzweiligen, dennoch tiefen Einblick in das Leben einer engagierten Frau erlaubt, die eine Vision für Afrika in sich trägt. Marlice ist mitnichten ohne Fehler, aber mit einer Energie ausgestattet, wie sie zwei Löwen nicht haben könnten – »tough« ist wohl das am besten passende Wort, um diese bemerkenswerte Frau zu beschreiben. Man hört ihr gerne zu, wenn sie von ihrem Leben, ihrer Beziehung zu Mutter, Bruder und Ehemann oder über ihre Ideen, Pläne und Ziele spricht. Philip Selkirk legt besonderen Wert darauf, viele unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen zu lassen; er mischt sie virtuos mit einmalig schönen Bildern einer nahezu unberührten afrikanischen Landschaft. Der Regisseur hatte die Möglichkeit, den Alltag von Marlice und ihrem Mann Rudie zu begleiten; er belegt eindrucksvoll, dass beim Kampf für Mensch und Tier Mut, Tatkraft und Optimismus, aber auch Tränen und Verzweiflung dazugehören.

»Marlice – Eine Vision für Afrika« ist eine gemeinsame Produktion von arte/ZDF und Selkirk Pictures & Enterprises Ltd.. Der Film hat eine Länge von 71 Minuten und wurde am 28. Dezember 2008 im Rahmen eines Themenabend im arte-Programm ausgestrahlt.